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European Standards

Dass der Jazz heute eine weltweit populäre Musiksprache ist, verdankt er auch den Standards des Great American Songbook et vice versa.

Was seit Jahrzehnten dem Verschleiß durch die Verwertungswut einer global agierenden Werbeindustrie standhält, sind die hintergründigen Musik- und Sprachcodes von Kern, Gershwin, Porter, Rodgers & Co.

Doch ein Teil dieser subtilen Codes, die die American Standards in über hundert Jahren zu einer globalen Hochkultur erhoben haben, ist bis heute nur dem englischsprachigen Native Speaker zugänglich geblieben.

Will man als Europäer dem europäischen Publikum auf dieser tieferen kollektiven Bewusstseinsebene begegnen, muss man in der Zeit oft weiter zurückgehen, tiefer graben, eigene Wurzeln freilegen: Man braucht so etwas wie European Standards.

 



D.D.Drenski beim G8-Gipfel 1999 in Köln nach der
Aufführung des Gospels "Oh Happy Day" vor den
Staatsgästen

Bisher begann jeder Euro Standard seine Jazz-Karriere als Einzelfund, als eine Melodie im Zustand eines "Jazz-Rohdiamanten".

Der obligatorische Jazz-Kunstschliff macht ihre Form für eine Jazz-Fassung, (z.B. für eine Songform) so passend wie nötig, bewahrt dabei aber so viel Substanz und Originalprofil wie möglich.

Schon in meiner Zeit als Jazzstudent habe ich damit begonnen, nach europäischen Standards zu forschen. Dabei verdanke ich vieles den Jazzgrößen des Third Stream, deren Stile sich schon seit den 1960er Jahren im Spannungsfeld zwischen Charlie Parkers Bebop und den jazznahen europäischen Klassikern von Bach und Händel bis Ravel und Bartok bewegen.

 

Greensleeves

Viele der Eigenschaften des Jazz und seiner Standards haben sich sehr langsam entwickelt, teils über Jahrhunderte und Kontinente hinweg. Ihre Essenz hingegen tauchte urplötzlich auf, scheinbar aus dem Nichts, und zwar in Gestalt
des englischen Traditionals Greensleeves .

Diese Essenz verweist auf die Romanesca und diese widerum auf das Lamento.
Das hinter dem Song Greensleeves stehende Lamento-Konzept erwies sich mit der Zeit als das vielleicht tragendste der gesamten westlichen Musik.

Die Melodie von Greensleeves erwies sich immer wieder als kompatibel mit musikalischen Neuerungen, letztlich mit einer enormen Bandbreite an hochmodernen Akkorden und Skalen, Metren, Rhythmen und Grooves

-vom modalen dorischen Kirchenton bis hin zum neuzeitlichen Durmoll

-von der alten Begleitakkordformel der Romanesca (Am G Am E) bis hin zum hochmodernen Chorus eines Jazz Waltz

-von den diatonischen Drei- und Vierklängen der frühesten notierten Greensleeves-Versionen um 1600 bis zur Chromatik der fünf- und mehrtönigen Blue Chords des Jazz.

 

Welche andere Melodie zog so verschiedene Epochen in ihren Bann wie Greensleeves, welche andere Melodie vermochte eine so große historische und stilistische Bandbreite von Komponisten, Arrangeuren und Interpreten zu faszinieren und zu inspirieren?

Das Attribut Evergreen steht für Unsterblichkeit, und die Zahl berühmter Greensleeves-Verehrer ist so enorm, dass sich einige finden lassen, die selbst im Ruf der "Unsterblichkeit" stehen.

Zu dieser Personengruppe gehören für mich

-der Dichterfürst William Shakespeare,
der in zwei seiner Dramen die Schönheit von Greensleeves anpries und
von dessen Sprache und Lyrik beträchtliche Einflüsse auf die Lyrics der American Standards ausgingen

-der amerikanische Saxophonist John Coltrane, der vielleicht aussichtsreichste Anwärter auf den Titel "Jazzpapst",
dessen Greensleeves-Einspielung zu meinen musikalischen Schlüsselerlebnissen gehört